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Im ICD-10 wird für die Diagnose einer Teilleistungsstörung gefordert, dass die gefundene Minderleistung in einem Teilbereich bedeutsam unterhalb dessen liegen muss, was aufgrund der Intelligenz und des Alters zu erwarten ist. Weiter heißt es: ”[...] Tests sollten in Verbindung mit statistischen Tabellen verwendet werden, die Daten über das erwartete durchschnittliche Leistungsniveau bei einem gegebenen IQ für jedes Alter enthalten. Diese letzte Bedingung ist wegen der Bedeutung statistischer Regressionseffekte notwendig, Diagnosen auf der Grundlage von Subtraktionen des Leistungsalters vom Intelligenzalter sind zwangsläufig erheblich irreführend” (Dilling et al., 1991, S. 256).

Der Vorteil des Regressionsmodells gegenüber dem einfachen IQ-Diskrepanzmodell ist, dass Verzerrungen in den Extrembereichen der Verteilung der Rechtschreib- oder Leseleistung vermieden werden: aufgrund der Tatsache, dass IQ und Rechtschreibung nicht zu 1 korrelieren ergibt sich, dass z.B. bei einem Kind mit IQ 130 nicht zu erwarten ist, dass ein dem IQ entsprechender Prozentrang im Rechtschreibtest (PR=97.5) erreicht wird. Am anderen Ende der Verteilung wirkt sich der Effekt gegenteilig aus: geistig behinderte Menschen können oft deutlich besser schreiben und lesen als es ihrem kognitiven Niveau entspricht. Auch dies lässt sich durch die Höhe der Korrelation zwischen Rechtschreiben bzw. Lesen und Intelligenz erklären. Daraus ergibt sich, dass im Vergleich zum einfachen Diskrepanzmodell für überdurchschnittlich Intelligente eine höhere, und für unterdurchschnittlich Intelligente eine niedrigere Diskrepanz zum Erfüllen des Kriteriums nötig ist. Für genau durchschnittliche Intelligenz führen Diskrepanz- und Regressionsmodell zu identischen Ergebnissen.

Der Begriff ”statistische Regression” mag für viele Kliniker praxisfern klingen, und allgemein verbreitete Tabellen, anhand derer für ermittelte Prozentränge und IQ-Werte eine Entscheidung getroffen werden kann (wie im ICD-10 gefordert), liegen nach unserem Wissen nicht vor. Deshalb soll hier eine Tabelle vorgestellt werden, die alle notwendigen Informationen enthält, und mit Hilfe der Diagnostiker ohne weitergehende statistische Kenntnisse diagnostische Entscheidungen treffen kann.

Zur Berechnung einer solchen Tabelle muss die Korrelation zwischen IQ und Rechtschreibung bzw. Lesen bekannt sein. Glogauer (1977) berichtete eine Korrelation von 0.42 zwischen Rechtschreibtest und IQ. In eigenen Untersuchungen mit Kindern im Grundschulalter (Schulte-Körne, 2000) fanden die Autoren Werte von im Mittel 0.4  sowohl für Rechtschreib- als auch für Lesetests mit dem IQ.
Die Diskrepanz zwischen erwarteter und tatsächlicher Leistung ist das Residuum der Regression von Rechtschreibung bzw. Lesen auf den IQ. Unter der Annahme einer Korrelation von 0.4 ergibt sich für das Residuum folgende Formel:

Residuum = RST - 0.4 * (10/15) * (IQ - 100)

Die Standardabweichung des Residuums beträgt

StARes = 10 * [Wurzel aus (1 - 0.42)].

Wenn eine diagnostische Entscheidung getroffen werden soll, muss noch ein Cut-off-Wert definiert werden, der sich aus dem kritischen Wert für die Diskrepanz zwischen erwarteter und tatsächlicher Leistung ergibt. Dieser Wert ist letztlich entscheidend dafür, wie hoch die Rate von Betroffenen bei einem solchen Kriterium ist. Zusätzlich wird oft noch ein IQ-Kriterium verwendet, nach dem unterhalb eines bestimmten IQ-Wertes keine Lese-Rechtschreibstörung mehr diagnostiziert wird. Dies beruht auf der Annahme, dass Rechtschreib- bzw. Leseprobleme bei geistig behinderten Kindern einen anderen Stellenwert haben und andere therapeutische Maßnahmen erfordern als bei durchschnittlich intelligenten Kindern. Ein weiteres Ausschlusskriterium sind häufig individuelle Defizite auf hohem Niveau (Rechtschreib-Prozentrang-Kriterium): Ein Kind mit IQ 130 und Rechtschreib-Prozentrang 50 hat nach dem einfachen IQ-Diskrepanzmodell zwar eine individuelle Schwäche in der Rechtschreibung, als therapiebedürftige Störung wird diese Schwäche aber üblicherweise nicht interpretiert.

Diese drei Kriterien (Regressions-Kriterium, einfaches IQ-Diskrepanzkriterium und Rechtschreib-Prozentrang-Kriterium) zusammengenommen definieren einen bestimmten Prozentsatz der Grundgesamtheit als auffällig i. S. einer Therapiebedürftigkeit. Darüber, wie groß dieser Prozentsatz sein soll, gibt es keine klaren Richtlinien. Im ICD-10 ist lediglich von einer bedeutsamen Diskrepanz die Rede, außerdem fordert es „eine bei weniger als 3% der Schulkinder erwartete Bewertung” (S. 255). Dies liegt also etwas niedriger als die gängigen Prävalenzschätzungen (s.o.).

Als Kompromiss bietet sich demnach an, eine Diskrepanz von 1,5 Standardabweichungen zu verwenden, was theoretisch zu einer Rate von 5,0% Betroffenen führt.
Davon sind dann noch der Anteil von Probanden abzuziehen, die per IQ- oder Rechtschreib-Prozentrang-Kriterium ausgeschlossen werden. Mögliche Grenzwerte für diese Kriterien sind IQ=85 (Ausschluss von unterdurchschnittlicher Intelligenz) und Rechtschreib-Prozentrang 16 (Ausschluss von Kindern mit Rechtschreibleistung im Normbereich).
Die quantitativen Auswirkungen einer solchen Selektion sind am praktikabelsten mit einer Computer-Simulation abzuschätzen. Mit Hilfe des SAS-Programmpaketes (SAS Institute Inc., 1990) wurden 100.000 zufällige Wertepaare mit normalverteilten Werten für IQ und Rechtschreib-T-Wert mit einer Korrelation von 0,4 generiert. es ergaben sich 5,0% Betroffene für das Regressionskriterium von 1,5 Standardabweichungen. Durch das zusätzliche IQ-Kriterium (IQ > 85) erniedrigte sich die Rate auf 4,2%, der Ausschluss von Rechtschreib-Prozenträngen > 16 ergab schließlich eine Rate von 4,1%.

Diese Kriterienkombination ist somit inhaltlich wie quantitativ gut geeignet, um Lese- und/oder Rechtschreibstörung zu identifizieren. Wir schlagen deshalb vor, dieses Kriterium zur Diagnose zu verwenden.

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