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"Den Opfern eine Stimme geben" - Kinder und Jugendliche im Räderwerk der NS-Psychiatrie



Auf Einladung von Prof. Dr. Schulte-Körne, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der LMU München stellte die AG "Fürsorge und Psychiatrie im Nationalsozialismus" am 15. März 2013 einem zahlreich erschienenen und interessierten Publikum aktuelle Forschungen und Gedenkprojekte zu einer bislang vergessenen Opfergruppe der NS-Medizin vor. Kinder und Jugendliche zählten wischen 1934 und 1945 auch in München zu denjenigen, die in das Räderwerk der nationalsozialistischen Rassenhygiene und den Krankenmordaktionen gerieten.

Vorgestellt wurde das Forschungsprojekt des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin an der TU -München über die "Kinderfachabteilung" in der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar. Dort wurden 332 Kinder - wie in den insgesamt 30 bestehenden Kinderfachabteilungen im gesamten Deutschen Reich - umgebracht. Julia Koch und Gerrit Hohendorf wiesen auf das Zusammenwirken der Anstaltsleitung Eglfing-Haar mit dem "Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden" und dem Bayerischen Innenministerium hin, aber auch auf die Frage nach der Verantwortung derjenigen Kranken- und Pflegeanstalten, die die Kinder in die Kinderfachabteilung überstellt hatten.
Michael von Cranach ging auf das lange Schweigen innerhalb der Psychiatrie über deren Verantwortung und Mitwirkung an den Morden hin. Das Gedenken an die Opfer müsse einhergehen mit der kritischen Auseinandersetzung der Profession mit den einstigen Lehrern, wie Prof. Dr. Werner Villinger, einem der Begründer der Kinder- und Jugendpsychiatrie in der Bundesrepublik Deutschland. Bei der Mordaktion "T4" wirkte er als Gutachter mit.
Sibylle von Tiedemann gab Einblick in den Stand der Arbeiten zum "Gedenkbuch für die Münchner Opfer der Euthanasie", mit dem die AG und das NS-Dokumentationszentrum einen sichtbaren "Ort" für die Opfer der Krankenmorde in der Münchner Stadtgesellschaft schaffen wollen. Mit Unterstützung der Angehörigen wird noch darum gerungen, dass auch die Namen der Opfer veröffentlicht werden können.

Abschließend stellte Annette Eberle Ausschnitte des Zeitzeugenprojekts der AG vor, das auch der künftigen Bildungsarbeit des NS-Dokumentationszentrums dienen soll. Betroffene, die der NS-Gesundheitspolitik zum Opfer fielen und ihre Angehörigen sprechen vor der Kamera darüber, was es im Nationalsozialismus bedeutet hatte, in die verhängnisvolle Nachbarschaft sozialer und erbbedingter Minderwertigkeit gebracht zu werden. So entstand auch das Interview mit den Schwestern von Wolfgang Sandlein, eines in der Kinderfachabteilung Eglfing-Haar ermordeten vierjährigen Jungen. Eine der Schwestern berichtet über ihre Erinnerungen an die für sie angsteinflößenden Besuche in der Anstalt und an die vergeblichen Versuche der Eltern, ihren Bruder nach Hause zu holen.


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