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LRS-Forschung gestern, heute und morgen - Die Entwicklung eines Konzepts

Vortrag auf dem
4. Münchener kinder- und jugendpsychiatrischen Symposium über psychische Entwicklungsstörungen am Samstag dem 9.Mai 1998




Inhalt




Einleitung

Am Ende des letzten Jahrhunderts war in den entwickelten europäischen Ländern die Alphabetisierung weitgehend abgeschlossen. Die Beherrschung der Schriftsprache gehörte nun zu den allgemein verbreiteten Fähigkeiten. Ein Versagen beim Erwerb dieser Kulturtechnik wurde von jetzt an zum Problem. Es ist deshalb nicht verwunderlich, daß die Lese-Rechtschreibstörung zu dieser Zeit in mehreren Ländern gleichzeitig beschrieben wurde.

1885 wurde von dem praktischen Arzt Oswald Berkhan in seiner Arbeit "Über die Störung der Schriftsprache" ein Kind geschildert, das im Diktat Buchstaben verwechselte "gerade wie es Stammelnde beim Sprechen tun". Der englische Augenchirurg Pringel Morgan (1896) faßte die Störung als eigenständiges Syndrom auf und lokalisierte sie in den Gyrus angularis. Damit war das medizinischen Konzept der Lese-Rechtschreibstörung formuliert.


LRS-Konzept in der Medizin

Nach dem medizinischen Konzept ist die LRS eine Funktionsstörung des Gehirns, die in der ICD-10 (Internationale Klassifikation der Erkrankungen der WHO) zu den umschriebene Entwicklungsstörungen gerechnet wird. Erkrankungen des Gehirns sind charakterisiert durch
  1. eindeutige Symptome, die möglichst objektiv feststellbare sein sollten
  2. identifizierbare Ursachen
  3. eine auf verschiedenen Ebenen beschreibbare Pathogenese
    1. neuroanatomische Ebene
    2. neurophysiologische Ebene
    3. neuropsychologische Ebene
Das medizinische Konzept bildet bis heute den theoretischen Hintergrund zahlreicher Forschungsansätze. In Anbetracht der Fülle der vorliegenden Ergebnisse kann nur punktuell auf einige Befunde eingegangen werden.

Visuelle Wahrnehmungsschwäche

Ausgehend von der Annahme Morgans, daß der LRS eine kongenitale Wortblindheit zu Grunde liege, erfolgten zahlreiche Untersuchungen der visuellen Wahrnehmungsfähigkeit. Die Häufigkeit der Verwechslung von "b" und "d" bzw. "d" und "p" führte zu der Vermutung, daß eine Raumlagelabilität den pathogenetischen Hintergrund bildet. Die anfangs beschriebenen visuellen Wahrnehmungsschwächen ließen sich jedoch in späteren, kontrollierten Studien nicht bestätigen. Repliziert wurden bislang visuelle Schwächen nur dann, wenn es sich um Reizdarbietungen von Buchstaben oder buchstabenähnlichen Symbolen handelt oder wenn verbale Strategien zur Aufgabenlösung hilfreich sind. Defizite bei der Lösung derartiger Aufgaben lassen sich jedoch nicht zwanglos auf zentrale visuelle Wahrnehmungsschwächen zurückführen. In den siebziger Jahren wurde das Konzept der visuellen Schwäche deshalb weitgehend fallengelassen, hat aber durch in den letzten Jahren publizierte Untersuchungen neue Aktualität erlangt.

neuroanatomische Ebene

Die Arbeitsgruppe um Galaburda fand in histologischen Untersuchungen des Corpus geniculatum laterale bei fünf LRS-Patienten eine Verminderung der Zahl der Nervenzellen in der Riesenzellschicht (Livingston et al. 1993). Im Corpus geniculatum laterale wird die visuelle Information umgeschaltet und zur optischen Hirnrinde weitergeleitet. Die Riesenzellen des in der Tiefe des Gehirns gelegenen Kerns sind für die Vorverarbeitung von Informationen, die schnell hintereinander eintreffen und nur einen geringen Kontrast aufweisen, verantwortlich. In der Schicht der kleinen Nervenzellen hingegen werden langsam wechselnde visuelle Reize mit hohem Kontrast verarbeitet.

neurophysiologische Ebene

Auch mit elektrophysiologischen Methoden konnten von derselben Arbeitsgruppe vergleichbare Befunde erhoben werden. So zeigte sich, daß visuell evozierte Potentiale (VEP) bei Kindern mit einer Lese-Rechtschreibschwäche amplitudengemindert auftreten, wenn schnelle Reize mit geringem Kontrast dargeboten werden, nicht aber bei Stimuli mit hohem Kontrast und längerer Darbietungsdauer. Aus diesen Befunden wurden Schwächen der zentralen phasischen visuellen Wahrnehmung vermutet. Kubova et al. 1996 überprüften das Riesenzellsystem mit bewegungsinduzierten VEP und das kleinzelliges System mit Schachbrettmusterumkehr-VEP bei 20 zehnjährige LRS-Kindern. Vergleichbar mit den zuvor genannten Ergebnissen fanden sie eine signifikante (p<0.001) Verzögerung der bewegungsspezifischen Negativität. Eden et al. 1996 gingen der Frage der Funktionsstörung der spezifischen visuellen Verarbeitungssysteme mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie nach. Bei visuellen Bewegungsreizen sahen sie bei erwachsenen LRS-Patienten eine fehlende Aktivierung der Hirnregion V5, die Teil des magnozellulären visuellen Subsystems ist, aber eine unauffällige Aktivierung der Region V1/V2 auf unbewegte Stimuli, die durch das kleinzellige Subsystem verarbeitet werden.

neuropsychologische Ebene

Neuropsychologische Bestätigungen wurden bislang nicht replizierbar erbracht. Walther & Müller (1995) untersuchte die räumliche und zeitliche Schwelle der Bewegungswahrnehmung bei 17 legasthenen Kindern. Defizite konnte nur bei drei Kindern nachgewiesen werden. Diese insgesamt sehr eindrucksvollen Befunde induzierten zahlreiche nachfolgende Untersuchungen. Sie konnten jedoch nicht durchgängig bestätigt werden. So berichteten Vanni et al. (1997) über eine unauffällige Aktivierung der bewegungsspezifischen visuellen Hirnregion V5 bei LRS-Patienten in der Magnetencephalographie. Weitere Untersuchungen visuell evozierter Potentiale durch Brecelj et al. (1996) ( pattern reversal-VEP mit unterschiedlichem Kontrast) und der Arbeitsgruppe um Munte in Hannover (1996) waren gleichfalls nicht mit der Hypothese einer Schädigung des Riesenzellsystems vereinbar. Insgesamt geben die bisherigen neuroanatomischen, neurophysiologischen und neuropsychologischen Untersuchungsergebnisse Anlaß, erneute über spezifische visuelle Wahrnehmungsschwächen bei legasthenen Kindern nachzudenken, ohne daß bisher ausreichende Befunde vorliegen, die eine wesentliche pathogenetische Bedeutung des visuellen Systems belegen würden.

Auditive Wahrnehmungsstörungen

Von zahlreichen Autoren wurden bei LRS-Kinder Schwächen in der zentralen auditiven Wahrnehmung beschrieben. In der letzten Zeit haben sich hierzu die Begriffe der zentralen Fehlhörigkeit bzw. zentralen Hörstörung eingebürgert. Bislang verfügbare Untersuchungsverfahren zur Beurteilung der zentralen auditiven Wahrnehmung weisen jedoch erhebliche methodische Mängel auf, und über die Zuverlässigkeit der Testverfahren ist wenig bekannt. Wir bemühen uns gegenwärtig um eine Validierung von Untersuchungsmethoden zur Bestimmung der zentralen auditiven Wahrnehmungsfähigkeit, wie Lautdifferenzierung, Geräuscherkennen, Ordnungsschwellenbestimmung usw., um die Voraussetzungen für verläßliche Studien zu auditiven Wahrnehmungsstörungen bei legasthenen Kindern zu schaffen. Reproduzierbar wurden in gut kontrollierten Untersuchungen Schwächen in der phonematischen Differenzierungsfähigkeit nachgewiesen. Defizite in der Phonemanalyse sind nicht nur bei Kindern mit einer Lese-Rechtschreibschwäche während der Zeit des Schriftspracherwerbs zu beobachten. Sie persistieren bis ins Erwachsenenalter. Auch hat sich die Untersuchung der phonematischen Bewußtheit zur Vorhersage einer Leseschwäche im Vorschulalter als einer der zuverlässigsten Prädiktoren bewährt. Schwächen in der phonematischen Differenzierungsfähigkeit bei lese- und rechtschreibschwachen Kindern können heute als ausreichend gesichert gelten.

neuroanatomische Ebene

Einige neuroanatomische Befunde lassen sich zur Stützung der Hypothese einer auditiven Pathogenese der LRS anführen. Wiederum die Arbeitsgruppe um Galaburda hat bei Patienten mit einer Lese-Rechtschreibstörung in mehrfachen Untersuchungen Veränderungen des Planum temporale gefunden. Primäres und sekundäres Hörzentrum und das rezeptive Sprachzentrum sind in dieser Hirnregion lokalisiert. Bei LRS-Kindern ist die physiologische Asymmetrie zu Gunsten der linken Hirnhälfte aufgehoben und wiederholt wurden Abnormitäten der dort gelegenen Hirnwindungen belegt. In neuerer Zeit wurden die Befunde durch Untersuchungen mit Hilfe der Magnetresonanztomographie bestätigt. Rosen (1992) und Fitsch (1994) erzeugten im Tierversuch Hirnabnormitäten, die denen von LRS-Patienten entsprechen. Die Tiere zeigten im Erwachsenenalter Defizite bei der zeitlichen Auflösung auditiver Reize. 1997 berichteten die Autoren über unterschiedliche Ausfälle bei männlichen und weiblichen Tieren. Nur bei männlichen Tieren wurden auditive Diskriminationsschwächen und eine sekundäre Verminderung der Zahl von Riesenzellen in funktional abhängigen basalen Kernen (Corpus geniculatum mediale) gefunden. Sie sehen derartige Versuche als Tiermodell für Störungen der Laut- und Schriftsprache an.

neurophysiologische Ebene

Auffälligkeiten auditiv evozierter Potentiale wurden mehrfach beschrieben. Besonders bemerkenswert ist eine 1997 veröffentlichte Studie von Rumsey et al. In der Positronen-Emissionstomographie (PET) fanden sie bei LRS-Patienten während der Phonemanalyse eine verminderte Aktivierung im Bereich des Planum temporale beiderseits, ein Befund, der mit den neuroanatomischen Befunden vergleichbar ist.

neuropsychologische Ebene

Defizite bei der Auflösung der Zeitstruktur der Sprache werden von zahlreichen Autoren als Ursache einer phonematischen Schwächen und damit der Lese-Rechtschreibstörung angesehen. In der letzten Zeit ist ein Training der auditiven Ordnungsschwelle im Gespräch. Unter Ordnungsschwelle wird die Fähigkeit verstanden, die zeitliche Reihenfolge - die Ordnung - von zwei schnell aufeinanderfolgenden Reizen zu erkennen. Herr Warnke entwickelte und vertreibt ein Gerät zur Bestimmung der auditiven Ordnungsschwelle und unter dem Namen "Brain boy" ein Gerät zum Training derselben. Enorme Trainingserfolge werden angegeben, sind jedoch nicht durch exakte Studien belegt. Gegenwärtig läuft unter Frau PD Dr. v. Steinbüchel am Institut für medizinische Psychologie eine Studie, die der Frage der Trainierbarkeit der Ordnungsschwelle bei LRS-Kindern nachgeht und überprüft, ob Fortschritte hinsichtlich des Lesens und Schreibens im Vergleich zu einem unspezifischen Training nachweisbar sind.

weitere Teilleistungsschwächen

Eine weitere Hypothese bezieht sich auf Augenkoordinationsstörungen. Immer wieder wird eine Häufung eines latenten Schielens bei Kindern mit einer Lese-Rechtschreibstörung beschrieben. Es erfolgen daraufhin Schieloperationen bzw. die Verordnung von Prismenbrillen. Kontrollierte Studien, wie z. B. die von Schwarz (1992) konnten die Befunde jedoch nicht bestätigen. Herr Fischer aus Freiburg beobachtete Störungen der willentlichen Kontrolle der Blickrichtung bei fünfzig Prozent der von ihm untersuchten LRS-Kinder. Er entwickelte Geräte zur Untersuchung der Blicksteuerung (Express Eye) und zum Training der Blicksteuerung (FixTrain). Mit diesen Geräten wird auch in München zunehmend diagnostiziert und behandelt. Ähnliche Hypothesen werden auch von Breitmeier (1992) vertreten. Bei siebzig Prozent der LRS-Kinder sei ein Defizit bei der Hemmung von Sakkaden nachweisbar. Zur Therapie werden Colorbrillen bzw. farbige Folien empfohlen. Auf Grund erheblicher methodischer Schwächen sind die bislang vorliegenden Untersuchungsergebnisse zu Störungen der Augenmotilität mit Zurückhaltung zu interpretieren.

Die Forschung zur Legasthenie wurde neben Theorien zu auditiven und visuellen Wahrnehmungsstörungen durch Hypothesen über Störungen der Dominanzentwicklung geprägt. Seit in den zwanziger Jahren Orton (1929) die Vermutung äußerte, daß Linkshändigkeit und andere Störungen der Dominanzentwicklung zur Lese-Rechtschreibschwäche führen, ist die Diskussion zu diesem Thema nicht zur Ruhe gekommen. In zahlreichen Untersuchungen wurden Händigkeit, Beinigkeit, Äugigkeit, Ohrigkeit und gekreuzte Dominanz bei Kindern mit einer Lese-Rechtschreibstörung und deren Familien untersucht, ohne daß ein Beleg für Störungen gefunden werden konnte. Obwohl selbst mit methodisch aufwendigen Verfahren wie tachistoskopischen Untersuchungen und dichotischen Tests keine Beweise für eine Dominanzstörung bzw. eine gestörte Koordination zwischen den Hirnhemisphären beigebracht werden konnten, sind Therapieverfahren, die auf diesem theoretischem Ansatz beruhen, weit verbreitet. So werden zur Therapie der LRS tachistoskopische Verfahren von Gutezeit, dichotische Verfahren von Warnke und unzählige Variationen kinesiologischer Übungen angeboten. Aussagefähige Studien über Therapieerfolge liegen nicht vor.

Bewertung der Befunde auf der Grundlage des medizinischen Konzepts

Insgesamt liegt eine Fülle von Befunden zu Teilleistungsschwächen bei LRS-Kindern vor. Über 50 verschiedene neuropsychologische Störungen, die mit der LRS in einem kausalen Zusammenhang gesehen werden, wurden beschrieben. Die Ergebnisse sind jedoch widersprüchlich und werden deshalb von verschiedenen Seiten insgesamt angezweifelt.

Die Betrachtung neuropsychologischer Profile von Kindern mit unterschiedlichen Störungen läßt jedoch die Interpretation der Ergebnisse in einem einheitlichen Konzept zu. In eigenen Untersuchungen verglichen wir die neuropsychologischen Profile von normalintelligenten Kindern mit Schulschwierigkeiten auf Grund einer Lese-Rechtschreibschwäche bzw. als Folge eines hyperkinetischen Syndroms. Sowohl in der Gruppe der LRS-Kinder als auch in der Gruppe hyperkinetischer Kinder fanden wir Teilleistungsschwächen in zahlreichen Bereichen. Einige neuropsychologische Defizite erwiesen sich als übereinstimmend, während andere Defizite syndromspezifisch waren. Die Bereiche der Überschneidungen sind als unspezifische Störungen aufzufassen, die bei unterschiedlichen Leistungsminderungen anzutreffen sind. Sie stehen in keinem pathogenetischen Zusammenhang zur LRS. Als LRS-typisch hingegen erwiesen sich Defizite in der auditiven Wahrnehmung und Merkfähigkeit und der Sprachproduktion. Diese Befunde lassen sich unter Berücksichtigung der neueren, oben zitierten Ergebnisse als Ausdruck von Schwächen bei der Dekodierung und Kodierung zeitlicher Strukturen auffassen. Eine derartige Interpretation der Befunde erlaubt eine Integration der vorliegenden empirischen Ergebnisse, bedarf aber zur Verifizierung weiterer Untersuchungen.


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pädagogisches Konzept der LRS

Aus der Widersprüchlichkeit der Ergebnisse der auf dem medizinischen Kozept basierenden empirischen Forschung zogen einige Arbeitsgruppen die Schlußfolgerung, daß die bisherige LRS-Forschung nichts gebracht hätte und das medizinische Konzept deshalb zu verwerfen sei. In den siebziger Jahren wurde dem medizinischen Konzept ein pädagogisches Konzept gegenübergestellt.

Prinzipien des pädagogischen Konzepts der LRS:

  1. Intelligenz und Schulleistung korrelieren nur mäßig miteinander und Diskrepanzen zwischen beiden sind zu erwarten
  2. "LRS" ist eine Beschreibung für eine Variante normaler Begabung und keine Störung
  3. Es gibt weder spezifische Symptome noch kausale Basisstörungen
  4. Statt psychometrischer und operationalisierter Diagnostik ist eine ganzheitliche Betrachtung erforderlich (Schulleistung, Persönlichkeit, Förderung, Umfeld)
  5. Die Kinder bedürfen einer guten Pädagogik und keiner Therapie
Das medizinische Konzept wird nicht nur als theoretisch falsch sondern als für die Kinder schädlich angesehen.

Vorwürfe an das medizinische Konzept

  1. Pathologisierung lernschwacher Schüler
  2. ungerechtfertigte Vereinfachung komplexer Zusammenhänge durch Zurückführung auf Einzelschritte in der Informationsverarbeitung
  3. Anstoß eines Therapiebooms mit fragwürdigen Methoden
  4. Abkopplung der Hilfen vom eigentlichen Schriftspracherwerb
  5. vom Ansatz her insuffiziente Therapieangebote (1-2mal pro Woche durch didaktisch unausgebildete Therapeuten)



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Medizinisches versus pädagogisches Konzept

Die Argumente zugunsten des pädagogischen Konzept sind ernst zu nehmen und gewissenhaft zu überprüfen. Von kinderpsychiatrischer Seite wurden und werden entsprechende Bemühungen unternommen.

Im medizinischen Konzept wird die Lese-Rechtschreibstörung als umschriebene Entwicklungsstörung aufgefaßt, die durch eine Diskrepanz zwischen Lese-Rechtschreibfähigkeit und Intelligenz gekennzeichnet ist. Es wird also deutlich zwischen Kindern mit einer allgemeinen Lernschwäche und einer spezifischen umschriebenen Lese-Rechtschreibschwäche differenziert. Im Rahmen der Forschung standen lange Zeit Bemühungen im Mittelpunkt, Besonderheiten von Kindern mit einer Lese-Rechtschreibschwäche gegenüber unauffälligen Kindern herauszuarbeiten. Für den Nachweis der Berechtigung der Abgrenzung schwacher Leser mit guter Intelligenz ist jedoch auch ein Vergleich zu schlechten Lesern mit niedriger Intelligenz notwendig.

p Schon in den siebziger Jahren setzten sich Rutter et al. im Rahmen der Isle-of-Wight-Studie mit dieser Problematik auseinander. In ihrem Vergleich von Kindergruppen leseschwacher Kinder mit guter und schwacher Intelligenz fanden sie zahlreiche - allerdings nicht sehr ausgeprägte - Differenzen. Die Gruppe mit spezifischer Lese-Rechtschreibschwäche zeigte geringere Erfolge beim Üben im Bereich der Schriftsprache. In non-verbalen Bereichen fiel ihnen das Lernen gegenüber der Gruppe der allgemein lernschwachen Kindern leichter. Es handelte sich häufiger um Jungen. Sprachentwicklungsstörungen wurden in der Vorgeschichte vermehrt angegeben. Motorische, neurologische, räumlich-visuelle Zusatzsymptome hingegen wurden seltener beobachtet, und Verhaltensauffälligkeiten traten seltener auf. In Regressionsanalysen fand sich eine asymmetrische Verteilungskurve mit Häufung von Diskrepanzen zwischen IQ und Leseleistungen im unteren Bereich.

Spätere Replikationsstudien kamen jedoch zum Teil zu anderen Ergebnissen. Besonders hervorzuheben ist die Yale-Studie der Arbeitsgruppe um Fletcher (1994). Das neuropsychologische Profil schlechter Leser mit und ohne Diskrepanz zur Intelligenz unterschied sich nicht wesentlich. Selbst Schwächen in der phonologischen Bewußtheit, die für LRS-Kinder als charakteristisch gelten, wurden in beiden Gruppen in etwa gleicher Ausprägung nachgewiesen. Auch hinsichtlich soziodemographischer und familiärer Charakteristika zeigten sich keine nennenswerten Differenzen (Shaywitz et al. 1992).

Zusammenfassend ist festzustellen, daß es bislang nicht gelungen ist, die Kindergruppe mit einer Diskrepanz zwischen Lese-Rechtschreibleistungen und allgemeinem intellektuellen Leistungsniveau durch spezifische Besonderheiten hinsichtlich der Art der Informationsverarbeitung, der Worterkennung, hinsichtlich neuroanatomischer Besonderheiten oder genetischer Charakteristika zweifelsfrei als spezielle Gruppe zu identifizieren. Aus der Sicht empirischer Belege stehen somit medizinisches und pädagogisches Konzept gleichwertig nebeneinander. Bisher kann keine wissenschaftlich begründete Entscheidung über die Richtigkeit der einen oder anderen Hypothese getroffen werden.

Die Diskussion für und gegen die Legasthenie wird aber leider emotionsgeladen und polemisch geführt und damit dem Problem nicht gerecht. Publikationen, wie "Der Unfug mit der Legasthenie" von Sirch (1975) führten zu folgenschweren Entscheidungen der Kultusministerkonferenz 1978. Bühler-Niederberger (1991) spricht von einer Pathologisierung der Kindheit "durch das psychometrische Kunstprodukt Legasthenie" und einer "Arbeitsbeschaffung für psychosoziale Berufsgruppen". Wie andere Autoren vor ihm hält Grissemann (1996) eine besondere Förderung legasthener Kinder für eine bedenkliche Privilegierung.

Von Vertretern des medizinischen Konzepts andererseits wird argumentiert, daß die Vertreter des pädagogischen Konzeptes wohl nie richtigen LRS-Kinder begegnet sind und deren Nöte somit nicht kennen. Dabei wird an Kinder mit sekundärer Neurotisierung in Form von psychosomatischen, emotionalen oder oppositionellen Störungen gedacht.

Eine polemische Diskussion führt jedoch nicht weiter und hilft insbesondere den Kindern nicht. Wie den Kindern zu helfen ist, sollte durch eine sachliche Diskussion geklärt werden. Es ist zu prüfen, ob es wissenschaftlich fundierte Befunde dafür gibt, daß LRS-Kinder einer besonderen Förderung bedürfen oder ob alle leseschwachen Kinder unabhängig von ihrer intellektuellen Potenz gleich zu behandeln sind. Es ist zu fragen, ob besondere Förderungen bzw. Unterrichts- und Bewertungsbedingungen für gut intelligente schlechte Leser wirklich notwendig oder als ungerechtfertigte Privilegien einzustufen sind.


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Forschungsergebnisse zur Prognose und Schlußfolgerungen für die Betreuung

Wenn die empirische Forschung bislang auch keine eindeutigen Ergebnisse hinsichtlich Pathogenese und Ätiologie der LRS erbracht hat, so hat sie doch entscheidende Hinweise geliefert, welche Faktoren die Entwicklungschancen eines Kindes mit Legasthenie wesentlich beeinflussen. Längsschnittstudien haben gezeigt, daß die Prognose von LRS-Kindern hinsichtlich Schulabschluß und Berufschancen ausgesprochen ungünstig ist. Maughan et al. berichteten 1993, daß 50% der von ihnen langzeitig beobachteten LRS-Kinder keine reguläre Berufsausbildung erreichten, und nur 1% einen akademischen Grad erwarben. Vergleichbare Ergebnisse wurden im deutschsprachigen Raum von Strehlow und Esser mitgeteilt. Alle Studien konnten übereinstimmend nachweisen, daß der entscheidene Faktor für die soziale Prognose, die Unterstützung durch Elternhaus und Schule ist. Die Schule ist in der sozialen Entwicklung von LRS-Kindern die wesentlichste Hürde. Wenn LRS-Kinder einen ihrer Intelligenz angemessenen Schulabschluß erreichen, so unterscheidet sich ihr weiterer Berufsweg und ihre spätere Berufszufriedenheit, nicht von dem anderer Schulabgänger. LRS-Kinder mit Abitur studieren z.B. gleich häufig und erfolgreich wie andere Abiturienten.

Für die Betreuung von LRS-Kindern ergibt sich daraus, daß auch wenn durch eine Therapie die Lese-Rechtschreibleistungen nicht normalisiert werden können, so können doch durch eine intensive Unterstützung im Elternhaus und eine adäquate Berücksichtigung der spezifischen Schwäche in der Schule die sozialen Entwicklungschancen entscheidend verbessert werden. Da Eltern aus höheren sozialen Schichte stärker für eine adäquate Schullaufbahn ihrer Kinder und gegen Sanktionen der Schule kämpfen, wird die "Legasthenie" gerne als Mittelschichtkonzept diffamiert. Die relativ gute Entwicklungsprognose von Kindern aus Mittelschichten zeigt jedoch, daß eine spezifische Unterstützung von LRS-Kindern notwendig und erfolgreich ist. Damit alle Kinder die ihren Potenzen entsprechenden Entwicklungschancen erhalten, sollten wir als Therapeuten uns insbesondere um Kinder aus den Unterschichten kümmern, um eine unzureichende Hilfe durch das Elternhaus zu kompensieren.


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Ausblick auf zukünftige LRS-Forschungsansätze

Obwohl sich herausgestellt hat, daß Zukunftsprognosen eher unzuverlässig sind, seien trotzdem einige Vermutungen zu Schwerpunkten zukünftiger LRS-Forschungen angeführt. Es ist zu erwarten, daß sich in der LRS-Forschung eine Verbesserung des Methodeninventars durchsetzen wird. Nur Studien, die sich durch ein aussagefähiges Untersuchungsdesign und gut charakterisierte Kindergruppen auszeichnen, werden Anerkennung finden. Gruppen von LRS-Kindern müssen durch operationalisierte Kriterien beschrieben werden und Kontrollgruppen zumindest nach Alter, Geschlecht, Intelligenz und sozialem Status vergleichbar sein. Neben Kontrollgruppen mit guten Lese-Leistungen werden Kontrollgruppen gleich schlechter Leser mit schwacher Intelligenz gefordert werden.

Da Lebensperspektiven durch die Güte der Ausbildung zunehmend entschieden werden, werden Eltern vermehrt auf adäquate Hilfen drängen. Kostenträger wiederum werden auf dem Nachweis der Effektivität teurer Interventionen bestehen. Folglich werden Therapiestudien, die bislang völlig unzureichend repräsentiert sind, mehr Beachtung finden. Dabei wird ein streng kontrolliertes Untersuchungsdesign, wie es in der Medikamentenforschung inzwischen Selbstverständlichkeit ist, unabdingbare Notwendigkeit werden.

Wie dargelegt wurde, gibt es derzeitig einige interessante Forschungsansätze, die weiterführende Ergebnisse erwarten lassen. Empirische Forschung kann trotz der Widersprüchlichkeit einzelner Befunde auch auf dem Gebiet der Lese-Rechtschreibstörung wichtige Voraussetzungen für Fortschritte in der Betreuung betroffener Kinder schaffen. Auch für die LRS gilt der Satz: Rationales Wissen ist nicht alles, aber ohne rationales Wissen ist alles nichts.


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Verantwortlich für den Inhalt ist der Autor:

Suchodoletz, W.v., Prof. Dr. med.
Institut für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Ludwig-Maximilians-Universität
Nußbaumstr. 7
80336 München
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