KJP LMU



Symposium: Psychisch gesund aufwachsen
Chancen und Risiken von Prävention in Schule und Familie

16.07.2014 in München


Abstracts

Dipl.-Psych. Stephan Warncke, Prof. Dr. Herbert Scheithauer (Berlin)
Prävention von Mobbing im Schulkontext: Grundlagen, Methoden und Evaluation des Programms fairplayer.manual


Mobbing, das wiederholte Schikanieren von Schülern durch andere Schüler im Schulkontext, geht mit weitreichenden psychischen und emotionalen Folgen für die Opfer - aber auch für die Täter - einher. Ein rechtzeitiges Eingreifen ist ebenso wichtig, wie die Prävention von Mobbing, um negative Entwicklungsverläufe zu verhindern. fairplayer.manual (www.fairplayer.de) ist ein manualisiertes, strukturiertes Programm zur Prävention von und Intervention bei Mobbing im Schulkontext und zur Förderung sozialer, moralischer Kompetenzen. Es richtet sich an Schüler der 7.-9. Schulklassen, an deren Lehrer und Eltern und beinhaltet sowohl universell-, als auch selektiv- und indiziert-präventive Maßnahmen auf der Schülerebene. Das Programm beinhaltet insbesondere Maßnahmen auf Schulklassen- und Schulebene, da Mobbing ein Gruppenphänomen darstellt und somit im sozialen Kontext bearbeitet werden muss. Die Verhinderung/Verminderung von Mobbing hat einen direkten Einfluss auf die psychische und (bei direkter physischer Aggression) auch körperliche Gesundheit der Jugendlichen. Die Maßnahmen umfassen u.a. die Vermittlung von Wissen, Veränderung von Einstellungen, Förderung von Klassenklima und Peerbeziehungen, Förderung von Fertigkeiten und Kompetenzen (u.a. Empathie) und Vermittlung von Handlungskompetenzen zur Verhaltensänderung. Zu den Methoden zählen u.a. kognitiv-behaviorale Methoden (z.B. Modelllernen, Verhaltensübungen, soziale Verstärkung), Maßnahmen zur Modifikation der sozial-kognitiven Informationsverarbeitung und zum Aufbau sozialer Fertigkeiten und Kompetenzen (u.a. strukturierte Rollenspiele), die moralische Dilemma-Methode und gruppendynamische Methoden (u.a. Rollenspiele, Partizipations-/Aushandlungsmöglichkeiten).
Didaktisch setzt das Programm auf klar strukturierte Handlungsvorschläge für die einzelnen Programmschritte, die die Durchführenden nach Wunsch auch modifizieren können. Grundsätzlich erfolgt die Umsetzung der Methoden und Programminhalte auf der Basis eines aktivierenden, die Schüler einbindenden didaktischn Ansatzes und betont insbesondere soziales Lernen in Form von Peer-to-Peer-Lernen. Die Durchführung des Programms auf Schulklassenebene umfasst mind. 15 bis 17 aufeinander aufbauende Schuldoppelstunden. Sie wird von fortgebildeten Multiplikatoren (Lehrer, Schulsozialarbeiter, Schulpsychologen) an den Schulen nachhaltig (mit jeweils neuen Kohorten jahrgangsweise) durchgeführt. Mehrere Teilevaluationen in Bremen und Berlin seit 2004, darunter auch ein kontrolliertes Warte-Kontrollgruppendesign (Prä-Post) mit follow-up nach 12 Monaten (insgesamt N = 678 Schüler; Altersspanne 11 - 19 Jahre; zudem Befragung der Lehrkräfte und Schulleitungen) erbrachten wiederholt positive Ergebnisse: ein nachweislicher Rückgang von Mobbing/der Intensität von Mobbing und relationaler Aggression; signifikante Verbesserung prosozialen Verhaltens; signifikanter Rückgang der Akzeptanz von Gewalt (der Gewaltlegitimation). Zudem liegen positive Rückmeldungen der Lehrkräfte bezüglich Zivilcourage und Eingreifverhalten nach Programmdurchführung vor. Prozessevaluationen haben gezeigt, dass die Machbarkeit und Akzeptanz des Programms sehr hoch ist, die Implementierungsqualität wurde überprüft und deren Bedeutsamkeit differentiell bestätigt. Zurzeit erfolgt eine Umsetzung des Programms in die deutsche Fläche auf der Basis eines Multiplikatorenansatzes, mit finanzieller Förderung durch die Deutsche Bahn Stiftung (www.fairplayer-fortbildung.de).

Kontakt: Dipl.-Psych. Stephan Warncke & Univ.-Prof. Dr. phil. Herbert Scheithauer
Arbeitsbereich Entwicklungswissenschaft & Angewandte Entwicklungspsychologie
Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie, Pf 19
Freie Universität Berlin
Habelschwerdter Allee 45
D-14195 Berlin
Telefon ++49 (0) 30 838-5 65 46
Fax ++49 (0) 30 838-5 65 88
Email herbert.scheithauer@fu-berlin.de / stephan.warncke@fu-berlin.de
Web: http://www.developmental-science.de


PD Dr. Karina Weichold (Jena)
Suchtprävention und Entwicklungsförderung im Kontext Schule


Der Vortrag hat zum Ziel, ausgehend von epidemiologischen Studien zu jugendlichem Alkohol- und Tabakkonsum Einflussfaktoren und Entwicklungsgenese zu analysieren und dabei Ansatzpunkte für angemessene Präventionsmaßnahmen aufzuzeigen. Dabei liegt der Fokus auf der frühen und mittleren Adoleszenz und auf der Prävention von Alkohol- und Tabakkonsum in der Schule. Hier hat sich die Suchtprävention am besten bewährt, wobei die deutliche Mehrheit der effektiven schulbasierten Programme bisher nicht den Schritt in eine weitere Verbreitung fand (vgl. Cuijpers, 2003). Im Bereich schulischer Suchtprävention scheinen interaktive Programme, die allgemeine Kompetenzen vermitteln, am effektivsten zu sein - ein Beispiel dafür sind die sog. Lebenskompetenzen-Programme. Der Lebenskompetenzen-Ansatz wurde durch die WHO (1997) propagiert und strebt neben dem Verhindern von Problemverhalten eine Förderung positiver, kompetenter Entwicklung an. Damit passt der Lebenskompetenzen-Ansatz zum aktuellen Trend einer stärkeren Fokussierung positiver Entwicklungsaspekte (z.B. Positive Youth Development, Lerner, 2002). Den Lebenskompetenzansatz illustrierend wird die Entwicklung, Implementierung und Evaluation des universellen schulbasierten suchtpräventiven Lebenskompetenzen-Programms IPSY (Information + Psychosoziale Kompetenz = Schutz, Weichold, 2002) vorgestellt. Zur Evaluation wurde ein Forschungsprogramm in einer engen Verzahnung zwischen Theorie und Praxis umgesetzt, das einerseits zulässt, offene Fragen in der Präventionsforschung zu klären (z. B. nach Mediatoren und Moderatoren der Effekte), andererseits Fragen der Implementierung und des Transfers beantworten kann.


Prof. Dr. Johannes Hebebrand, Yvonne Mühlig (Essen)
Therapie und Prävention der Adipositas im Kindes- und Jugendalter: Was ist zu tun?


Die Effektivität konservativer Gewichtsreduktionsbehandlungen im Kindes- und Jugendalter gilt als evident, jedoch wurde die klinische Bedeutung des realistisch erreichbaren Therapieerfolges bisher zu wenig differenziert evaluiert. Basierend auf einer systematischen Literaturrecherche in der medizinischen Datenbank PubMed für den Zeitraum Mai 2008 bis Dezember 2013 und unter Beachtung von Ein- und Ausschlusskriterien haben wir 48 randomisierte kontrollierte Therapiestudien mit insgesamt 5025 Teilnehmern identifiziert und einer qualitativen Analyse unterzogen. Der durchschnittlich erreichbare Therapieeffekt betrug ca. -0.2 bis -0.3 BMI-SDS innerhalb eines Jahres. Die allgemeine Akzeptanz der verfügbaren Interventionsprogramme lag mit einer Abbruchrate von häufig mehr als 20% bis über 40% im mittleren bis eher niedrigen Bereich. Auf der Grundlage mittlerweile konsistenter Befunde sollte die begrenzte Effektivität konservativer Behandlungsverfahren im Kindes- und Jugendalter in die medizinische Aufklärung von betroffenen Familien einfließen. Angesichts der Gefahr einer Selbststigmatisierung mit psychischen Folgestörungen sollten alternativ zu Gewichtsreduktionsbehandlungen coping-orientierte Interventionen zur Förderung der Akzeptanz der Adipositas als einen chronischen Gesundheitszustand entwickelt und evaluiert werden. Die Ergebnisse sollen auch im Hinblick auf die Wertigkeit präventiver Ansätze zu diskutieren.


Prof. Dr. Arnold Lohaus (Bielefeld)
Stress und Stressbewältigung im Schulalter


Schon Kinder und Jugendliche sind mit vielfältigen Anforderungen konfrontiert, wobei die Schule dabei einen zentralen Stellenwert einnimmt. In dem Vortrag wird auf mögliche Anforderungen im Schulalter eingegangen, wobei vor allem die potentiellen Stressoren aus der Sicht der Schüler in verschiedenen Altersabschnitten im Vordergrund stehen. Es wird weiterhin verdeutlicht, dass das Anforderungsspektrum im Kindes- und Jugendalter sich in den letzten Jahren gewandelt hat und dass davon auszugehen ist, dass sich die subjektiven Belastungen erhöht haben. Als Konsequenz ergeben sich hohe Angaben bei physischen und psychischen Symptomatiken (wie Kopfschmerzen, Erschöpfungszustände etc.) bereits im Kindes- und Jugendalter. Es erfolgt dementsprechend eine Darstellung der verschiedenen Symptomebenen sowie der diesbezüglichen Befunde bei Schülern der Grundschule und weiterführender Schulen. In dem Vortrag wird weiterhin auf Ansatzmöglichkeiten für die Prävention und Intervention eingegangen, um das Belastungserleben von Kindern und Jugendlichen zu reduzieren.


PD. Dr. Uwe Berger (Jena)
Primärprävention bei Essstörungen - (wie) geht das?


Nach den Daten der KiGGS]Studie zeigt sich bei knapp einem Viertel der Jugendlichen ein gestörtes Essverhalten, gut ein Funftel sind übergewichtig oder adipös. Vor diesem Hintergrund wurden seit 2004 am Universitatsklinikum Jena geschlechtsspezifische schulbasierte und manualisierte Programme entwickelt, um Magersucht (Programm PriMa fur Mädchen der 6. Klasse), übergewicht und Bewegungsmangel (Programm TOPP fur Jungen der 6. Klasse) sowie Bulimie und Adipositas (Programm Torera fur Jungen und Mädchen der 7. Klasse) vorzubeugen. Die Programme wurden mit über 3.000 Kindern aus uber 100 Thüringer Schulen mit Prä-/Post-Kontrollgruppenstudien evaluiert. Effekte im kleinen und mittleren Effektstärkebereich zeigten sich insbesondere bei Mädchen und Kindern mit erhöhtem Risiko beim Körperselbstwert und den berichteten Einstellungen zum Essen (erhoben mit den standardisierten Fragebogen FBeK, SCOFF und EAT-26D). Der Körperselbstwert erwies sich hierbei als Mediator der Intervention auf das Essverhalten.
Die Ergebnisse der Evaluationsstudien zeigen zusammenfassend, dass essstörungsrelevante Faktoren durch aufeinander aufbauende präventive Interventionen systematisch positiv verändert werden können. Die Durchführung der Programme unter Alltagsbedingungen erwies sich auch großflächig als praktikabel. Der Zugang uber die Schule ist sozial gerecht und niederschwellig. Die Durchführung mit vorher geschulten Lehrkrüften sichert die "Ermachtigung"(Empowerment) aller Beteiligten und nicht zuletzt aufgrund geringer Folgekosten von 2,50 Euro pro Kind die Nachhaltigkeit der Maßnahmen. Bezogen auf theoretische Modelle (z. B. Health Action Process Approach) unterstreicht die Wirkungsevaluation die Bedeutung des Körperselbstwertes fur die Prävention.

Literatur

Berger, U., Schaefer, J.]M., Wick, K., Brix, C., Bormann, B., Sowa, M., Schwartze, D. & Strauss, B. (2013). Effectiveness of Reducing the Risk of Eating-Related Problems Using the German School- Based Intervention Program, gTorerah, for Preadolescent Boys and Girls. Prevention Science, eFirst.

Wick, K., Brix, C., Bormann, B., Sowa, M., Straus, B. & Berger, U. (2011). Real]world effectiveness of a German school-based intervention for primary prevention of anorexia nervosa in preadolescent girls. Preventive Medicine, 52, 152-158.

Schwartze, D., Sowa, M., Bormann, B., Brix, C., Wick, K., Straus, B. & Berger, U. (2011). Evaluation der Wirkung des schulbasierten Präventionsprogramms TOPP "Teenager ohne pfundige Probleme" auf adipositasrelevante Faktoren an Thuringer Schulen. Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz, 54, 349-356.

Berger, U. (2008). Essstörungen wirkungsvoll vorbeugen - Die Programme "PriMa", "TOPP" und "Torera" zur Pravention von Magersucht, Bulimie, Fressattacken und Adipositas. Stuttgart: Kohlhammer.


Prof. Dr. Gerd Schulte-Körne (München)
Prävention depressiver Störungen im Kindes- und Jugendalter


Die Notwendigkeit, Prävention im Gesundheitswesen durchzuführen, insbesondere im Bereich Kinder und Jugendliche, wird in den letzten Jahren sehr betont. Die aktuellen Ergebnisse des Kinder- und Jugendsurveys des Robert-Koch Instituts bestätigen die hohe psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen mit bis zu 20%.
Depressive Störungen bei Kindern und Jugendlichen sind häufig, haben ein hohes Risiko, erneut aufzutreten, gehen mit einer Reihe von komorbiden Störungen einher und verursachen eine Vielzahl psychosozialer Einschränkungen. Sie beginnen meist im Kindesalter, mit der Pubertät nimmt die Erkrankungsrate deutlich zu. Es liegen Ansätze zur primären Prävention in Schulen sowie Ansätze zur indizierten Prävention bei Risikogruppen von Kindern und Jugendlichen vor. Beide Formen der Prävention führen zu einer Reduktion depressiver Symptomatik bzw. der Erkrankungswahrscheinlichkeit. Im Längsschnittverlauf nehmen jedoch die positiven Evaluationsergebnisse ab. Untersuchungen, die die Prävention mit einer Placebo-Kontrollintervention vergleichen, können nur geringe oder keine Effekte der Prävention aufzeigen. Allerdings können schulbasierte Präventionsprogramme zur Steigerung des Erkrankungsrisikos führen, sodass sehr gut überlegt werden muss, welche Methode mit welcher Zielgruppe durchgeführt wird.

Literatur

Y. Schiller, G. Schulte-Körne, R. Eberle-Sejari, B. Maier, A.-K. Allgaier; Increasing knowledge about depression in adolescents: effects of an information booklet; Social Psychiatry and Psychiatric Epidemiology; published online 2. August 2013, Doi 10.1007/s00127-013-0706-y; 2014, 49, 51-58

G. Schulte-Körne, Y. Schiller; Wirksamkeit universeller und selektiver Prävention von Depression im Kindes- und Jugendalter; Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie; 2012, 6, 385-397

A.-K. Allgaier, Y. Schiller, G. Schulte-Körne; Wissens- und Einstellungsänderungen zu Depression im Jugendalter: Entwicklung und Evaluation einer Aufklärungsbroschüre ; Kindheit und Entwicklung; 2011, 20 (4), 247-255

Hölling H, Schlack R, Petermann F, Ravens-Sieberer U, Mauz E; KiGGS Study Group. (2014) Psychische Auffälligkeiten und psychosoziale Beeinträchtigungen bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 3 bis 17 Jahren in Deutschland - Prävalenz und zeitliche Trends zu 2 Erhebungszeitpunkten (2003-2006 und 2009-2012); Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz. 2014 Jul;57(7):807-19. doi: 10.1007/s00103-014-1979-3



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