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Untersuchung von Ursachen spezifischer Probleme im Lesen und/oder Rechtschreiben (UsLeR-Studie)


Ein gemeinsames Forschungsprojekt des Klinikums der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Karl-Franzens-Universität Graz, gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und den Österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF)

Die Studie ist seit September 2018 abgeschlossen.

Wissenschaftlicher Hintergrund
Daten aus deutschen Grundschulen zeigen, dass bis zu 12% der Kinder eine unterdurchschnittliche Lese- und/oder Rechtschreibleistung aufweisen. Bisher ging man davon aus, dass Schwierigkeiten im Lesen und im Rechtschreiben meist gemeinsam auftreten und ein- und dasselbe Störungsbild darstellen. Aktuelle Studien zeigen jedoch, dass ca. 40% der Kinder, die Probleme im Lesen haben, keine Probleme im Rechtschreiben aufweisen - und umgekehrt. Erste Untersuchungen legen zudem nahe, dass Lese- und Rechtschreibprobleme zumindest teilweise unterschiedliche Ursachen haben könnten. Die Gründe für das Auftreten dieser isolierten Schriftsprachprobleme sind bisher kaum verstanden. Die fehlende Differenzierung zwischen Lese- und Rechtschreibproblemen könnte auch eine Erklärung für die relativ geringen Fördereffekte sein, die Studien zur Wirksamkeit von Therapieprogrammen bei der Lese- und Rechtschreibstörung berichten.

Ziel der Studie
Ziel der Studie ist daher die Ursachen spezifischer Probleme im Lesen und spezifischer Probleme im Rechtschreiben besser zu verstehen. Dieses Wissen ist Grundvoraussetzung (1) für eine spezifischere Diagnostik von Schriftsprachproblemen, und (2) für die Entwicklung zielgerichteter Fördermaßnahmen. Die Ergebnisse des Projektes sind damit von hoher praktischer Relevanz.

Projektablauf für den Standort München

In der ersten Phase (Screening), wurde im Mai und Juni 2015 anhand von standardisierten Verfahren die Lese- und Rechtschreibleistung im zweiten Halbjahr der 3. Schulstufe im Schulsetting erhoben. Am Standort München haben 1487 Kinder aus 46 Schulen in München und Freising teilgenommen. Ca. 5% der Kinder wiesen sowohl im Lesen als auch im Rechtschreiben Probleme auf. Bei jeweils 3-4% zeigten sich hingegen nur im Lesen oder nur im Rechtschreiben Probleme.
Auf Basis diese Ergebnisse wurden vier Gruppen von Kindern zur Teilnahme an der Hauptstudie eingeladen:
(1) Gruppe mit isolierter Leseschwäche trotz altersgemäßer Rechtschreibentwicklung
(2) Gruppe mit isolierter Rechtschreibschwäche trotz altersgemäßer Leseentwicklung
(3) Gruppe mit kombinierter Lese- und Rechtschreibschwäche
(4) Kontrollgruppe mit altersentsprechender Leistung im Lesen und Rechtschreiben

Die zweite Phase (Hauptstudie) fand zwischen Juli und Dezember 2015 in der Forschungsabteilung der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Universität München statt. Insgesamt haben 126 Kinder aus München und Freising an der Hauptstudie teilgenommen. In der Hauptstudie haben wir die kognitiven Profile der Kinder näher erfasst. Wir haben beispielsweise sprachliche Fertigkeiten, Gedächtnis-, und Aufmerksamkeitsleistungen der Kinder untersucht und den Zusammenhang dieser Fertigkeiten mit der Lese- und Rechtschreibleistung analysiert. Außerdem wurden die Augenbewegungen beim Lesen mittels einer Augenbewegungskamera erfasst, um Aufschluss über den Leseprozess zu erhalten. Wesentlicher Bestandteil des Projektes war es mittels EEG (in München) und fMRT (in Graz) die neurobiologischen Korrelate zu erfassen, welche die auf der Verhaltensebene beobachteten Dissoziationen von Lese- und Rechtschreibstörungen erklären.
Im 2. Halbjahr 2016 wurden alle 126 Kinder der Hauptstudie in München zu einer Folgetestung eingeladen. Bei dieser Folgetestung wurde nochmals die Lese- und Rechtschreibleistung erhoben, um den Fortschritt zu erfassen und den aktuellen Förderbedarf beurteilen zu können.
Wir haben zudem Aufgaben entwickelt, die im Wesentlichen auf zwei Bereiche abzielen:
(1) Den Zusammenhang zwischen Benenngeschwindigkeit und Leseflüssigkeit besser zu verstehen.
(2) Die Probleme beim Merken richtiger Schreibungen besser zu verstehen. Hierzu haben wir Aufgaben zum orthografischen Lernen (Lernexperiment) und zur Wortverarbeitung (EEG-Studie) entwickelt.

Ergebnisse
In den folgenden Abschnitten werden die Ergebnisse aus verschiedenen Teilstudien des Projektes zusammengefasst, die das isolierte Auftreten von Lese- versus Rechtschreibschwierigkeiten erklären.

Isolierte Rechtschreibstörung bei intakter Leseleistung:
Die Ergebnisse zeigen, dass Kinder mit isolierten Rechtschreibproblemen Schwierigkeiten haben, Schriftwörter exakt im Langzeitgedächtnis abzuspeichern (Mehlhase et al., 2019). Sie greifen zwar auf die abgespeicherten Wörter zu, allerdings scheinen die Wortrepräsentationen meist ungenau zu sein. Beim Lesen (Wiedererkennen von Wörtern) reichen diese ungenauen Gedächtniseinträge aus, um ein Wort richtig und schnell zu lesen (Gangl et al., 2017, 2018), beim Rechtschreiben (Produktion von Wörtern) führen ungenaue Wortrepräsentationen allerdings zu den typischen Falschschreibungen. Meist sind diese Falschschreibungen lauttreu aber orthografisch falsch (z.B. Heuser statt Häuser). Dies spiegelt sich auch bei der Verarbeitung von Wörtern im Gehirn wider. Während im EEG (Elektroenzephalogramm) bei Kindern mit guter Rechtschreibleistung ein Unterschied zwischen richtig und falsch geschrieben Wörtern zu erkennen ist, zeigt sich dieser Unterschied bei Kindern mit Rechtschreibproblemen nicht (Bakos at al., 2018; Kemeny et al., 2018).

Isolierte Lesestörung bei intakter Rechtschreibleistung:
Im Gegensatz zu Kindern mit Rechtschreibproblemen scheint bei Kindern mit isolierter Lesestörung die Abspeicherung von Schriftwörtern im Langzeitgedächtnis gut zu funktionieren. Allerdings ist der schnelle Zugriff auf diese Gedächtniseinträge und die automatisierte Verarbeitung von Schriftwörtern defizitär (Gangl et al., 2017, 2018). Die verlangsamte Verarbeitung von Wörtern zeigte sich auch im EEG: Kinder mit isolierter Lesestörung zeigen zwar den typischen Unterschied zwischen richtig und falsch geschrieben Wörtern, allerdings dauerte die Verarbeitung der Wörter länger (Bakos et al., 2018). Eine längere Verarbeitung zeigte sich auch bei Aufgaben zum schnellen Benennen und bei der Automatisierung von Buchstabe-Lautbeziehungen auf Verhaltens- und neurophysiologischer Ebene (Bakos et al., 2017, 2020; Moll et al., in press).

Kombinierte Lese- und Rechtschreibstörung:
Kinder mit kombinierter Lese- und Rechtschreibstörung zeigen auch ein kombiniertes Profil der Schwierigkeiten. Sie weisen Probleme bei der Abspeicherung von Schriftwörtern im Langzeitgedächtnis und bei der schnellen automatisierten Verarbeitung von Wörtern auf. Zudem zeigten sie Schwierigkeiten bei der Lautverarbeitung (z.B. Beim Lautstreichen: Ball ohne /b/) und bei der Aufmerksamkeitssteuerung. In der MRT-Studie der Grazer Partner zeigten sich zudem Veränderungen der Verbindungen zwischen leserelevanten Gehirnarealen bei Kindern mit kombinierter Lese-Rechtschreibstörung im Vergleich zu Kindern mit typischer Lese- und Rechtschreibentwicklung.

Praktische Implikationen:
Die Tatsache, dass Problemen im Lesen und Problemen im Rechtschreiben unterschiedliche kognitiven und neurophysiologische Defizite zugrunde liegen, hat wesentliche Implikationen für die Diagnostik und Förderung. Bei der Diagnostik ist es wichtig zwischen isolierten und kombinierten Lese- und/oder Rechtschreibproblemen zu differenzieren. Die Förderung muss an das individuelle Defizitprofil angepasst werden. So ist beispielsweise ein Training der Lautverarbeitung in Kombination mit einem orthografischen Training v.a. bei Kindern mit Rechtschreibschwierigkeiten sinnvoll, währen ein Training bei Kindern mit Lesestörung v.a. auf die Automatisierung von Wörtern und Wortteilen abzielen sollte.
Aus der Studie gingen bislang folgende Veröffentlichungen hervor:
Bakos, S., Mehlhase, H., Landerl, K., Bartling, J., Schulte-Körne, G., & Moll, K. (2020). Naming processes in reading and spelling disorders: an electrophysiological investigation. Clinical Neurophysiology, 131(2), 351-360.
Bakos, S., Landerl, K., Bartling, J., Schulte-Körne, G., & Moll, K. (2017). Deficits in Letter-Speech Sound Associations but Intact Visual Conflict Processing in Dyslexia: Results from a Novel ERP-Paradigm. Frontiers in Human Neuroscience, doi: 10.3389/fnhum.2017.00116
Bakos, S., Landerl, K., Bartling, J., Schulte-Körne, G., & Moll, K. (2018). Neurophysiological correlates of word processing deficits in isolated reading and isolated spelling disorders. Clinical Neurophysiology, 129(3), 526-540.
Banfi, C., Kemény, F., F., Gangl, M., Schulte-Körne, G., Moll, K., & Landerl, K. (2017). Visuo-spatial cueing in children with differential reading and spelling profiles. PLOS ONE, 12(7), e0180358.
Banfi, C., Kemény, F., Gangl, M., Schulte-Körne, G., Moll, K., & Landerl, K. (1918). Visual Attention Span performance in German-speaking children with differential reading and spelling profiles: no evidence of group differences. PLOS ONE, doi: 10.1371/journal.pone.0198903
Banfi, C., Koschutnig, K., Moll, K., Schulte-Körne, G., Fink, A., & Landerl, K. (2019). White matter alterations and tract lateralization in children with dyslexia and isolated spelling deficits. Human Brain Mapping, 40(3), 765-776.
Gangl, M., Moll, K., Jones, M.W., Banfi, C., Schulte-Körne, G., & Landerl, K. (2017). Lexical reading in dysfluent readers of German. Scientific Studies of Reading, 22(1), 24-40.
Gangl, M., Moll, K., Banfi, C., Huber, S., Schulte-Körne, G., & Landerl, K. (2018). Reading Strategies of Good and Poor Readers of German with Different Spelling Abilities. Journal of Experimental Child Psychology, 174, 150-169, doi:10.1016/j. jecp.2018.05.012
Kemény, F., Gangl, M., Banfi, C., Bakos, S., Perchtold, C. M., Papousek, I., ... & Landerl, K. (2018). Deficient letter-speech sound integration is associated with deficits in reading but not spelling. Frontiers in Human Neuroscience, 12, 449.
Kemény, F., Banfi, C., Gangl, M., Perchtold, C.M., Papousek, I., Moll, K., & Landerl, K. (2018). Print-, sublexical and lexical processing in children with reading and/or spelling deficits: An ERP study. International Journal of Psychophysiology, 130, 53-62.
Mehlhase, H., Bakos, S., Landerl, K., Schulte-Körne, G., & Moll, K. (2019). Orthographic learning in children with isolated and combined reading and spelling deficits. Child Neuropsychology,25(3), 370-393.
Moll, K., Landerl, K., Snowling, J.M., & Schulte-Körne, G. (2019). Understanding comorbidity of learning disorders: Task-dependent estimates of prevalence. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 60(3), 286-294.
Moll, K., Gangl, M., Banfi, C.,Schulte-Körne, G., & Landerl, K. (in press). Stability of deficits in reading fluency and/or spelling. Scientific Studies of Reading.

Arbeitsgruppe
Dr. Kristina Moll
MSc. Sarolta Bakos
Dipl.-Psych Heike Mehlhase

Kontakt
Bei Fragen zur Studie wenden Sie sich bitte an
Projektleitung:
Dr. Kristina Moll
Telefon: 089 4400 55923 od. 55925
Email: Kristina.Moll@med.uni-muenchen.de

Sekretariat Forschung:
Carolina Silberbauer
Telefon: 089 4400 55925
Email: Carolina.Silberbauer@med.uni-muenchen.de


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