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Genetik der Depression

Molekulargenetik affektiver Störungen im Kindes- & Jugendalter

Die Genetikdatenbank BioMD-Y


Depression im Kindes- und Jugendalter
Die Depression ist eine der häufigsten psychischen Erkrankungen und betrifft ca. 300 Millionen Menschen weltweit. Depressive Störungen können bereits im Kindesalter auftreten. Im Jugendal-ter nimmt die Erkrankungshäufigkeit auf bis zu 3-7% deutlich zu. Depressive Störungen, die be-reits im Kindes- und Jugendalter auftreten, sind mit besonders ernsthaften psychosozialen und gesundheitlichen Folgen verbunden, wie etwa mit Beeinträchtigungen in sozialen Beziehungen (z.B. Beziehungen zu Gleichaltrigen oder innerhalb der Familie), Schwierigkeiten in der Schule und einem deutlich erhöhten Rückfallrisiko.

Was wissen wir über die Entstehung der Depression im Kindes- und Jugendalter?
Bislang ist noch nicht ausreichend untersucht, wieso manche Kinder und Jugendliche an einer Depression erkranken, andere hingegen nicht. Es gibt viele Faktoren, die zur Entstehung der Depression beitragen. Manche Kinder und Jugendliche sind anfälliger für eine Depression, weil sie ein erhöhtes genetisches Risiko für eine Depression aufweisen. Kommen zu dieser genetischen Veranlagung noch Belastungsfaktoren hinzu, ist das Risiko für die Entwicklung einer Depression besonders erhöht. Solche Belastungsfaktoren können z.B. negative Lebensereignisse sein. Vor allem sehr einschneidende Erlebnisse (z.B. der Verlust einer nahestehenden Person) können das Risiko für eine Depression erhöhen. Darüber hinaus gelten eher alltägliche Belastungsfaktoren, wenn sie gehäuft oder anhaltend auftreten, als Risikofaktoren für die Entstehung einer Depression. Zu solchen alltäglichen Belastungsfaktoren gehören u.a. Schwierigkeiten in der Schule oder Streitigkeiten, z.B. mit Freunden. Auch familiäre und elterliche Faktoren können zum Risiko der Entstehung einer Depression im Kindes- und Jugendalter beitragen. Dazu gehört z.B. ein sehr konfliktträchtiges Familienklima. Umgekehrt können Schutzfaktoren, wie z.B. Unterstützung durch die Familie oder das Umfeld, vor einer Depression schützen.

Ziele der Genetikdatenbank BioMD-Y
Bislang liegen nur vereinzelt Studien vor, die die Bedeutung unterschiedlicher molekulargenetischer Faktoren sowie ihr Zusammenspiel mit psychosozialen Risiko- und Schutzfaktoren bei Kindern und Jugendlichen mit einer Depression untersucht haben. Die Genetikdatenbank BioMD-Y der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des LMU Klinikums umfasst mehr als 400 Kinder und Jugendliche mit einer Depression, eine Kontrollstichprobe bestehend aus über 250 gesunden Kindern und Jugendlichen sowie Daten von mehr als 500 Elternteilen erkrankter Kinder und Jugendlicher. Der weitere Ausbau dieser Datenbank soll einen wichtigen Beitrag zur Ursachenforschung im Bereich der Molekulargenetik der Depression im Kindes- und Jugendalter leisten und ist in ihrem Ansatz und Umfang einzigartig:

In einer klinisch umfangreich charakterisierten Stichprobe von Kindern und Jugendlichen werden neben verschiedenen molekulargenetischen Ansätzen (z.B. Kandidatengene, polygenic risk scores) auch epigenetische Veränderungen sowie hormonelle Faktoren bei 8-18-Jährigen mit einer Depression und einer gesunden Kontrollstichprobe untersucht. Auch findet eine Auswertung genetischer Informationen bei den Eltern der Kindern und Jugendlichen mit einer Depression statt. Der Einsatz umfangreicher Fragebögen erlaubt ferner eine ausführliche Charakterisierung von Schutz- und Risikofaktoren des Kindes und der Familie.

Bei Kindern und Jugendlichen mit einer Depression wird darüber hinaus im Rahmen einer 5-Jahres-Katamnese der Verlauf der Erkrankung untersucht. Im Fokus dieser Untersuchung stehen epigenetische Veränderungen sowie klinische (z.B. Schweregrad, Länge und Häufigkeit der depressiven Episoden) und psychosoziale Prädiktoren (z.B. belastende Lebensereignisse) für den Verlauf der Erkrankung.

TeilnehmerInnen gesucht
Wir freuen uns über die Teilnahme von Kindern und Jugendlichen mit einer Depression sowie nicht-erkrankten Kindern und Jugendlichen zwischen 8 und 18 Jahren!

Kinder und Jugendliche mit einer Depression (Fallgruppe) werden hinsichtlich bestimmter genetischer Ausprägungen mit nicht-depressiven Kindern und Jugendlichen (Kontrollgruppe) verglichen. Zusätzlich werden Kinder und Jugendliche mit einer depressiven Störung hinsichtlich der genetischen Ausprägung mit ihren leiblichen Eltern verglichen. Dies ermöglicht die Analyse von Zusammenhängen zwischen Risikogenotypen und Depression. Das genetische Datenmaterial wird mittels einer Blutprobe der StudienteilnehmerInnen gewonnen.

Fallgruppe
100 Kinder und Jugendliche mit depressiver Störung
Kontrollgruppe
100 Kinder und Jugendliche ohne depressive Störung

Blutprobe der Eltern der Fallgruppe
Zur Erfassung von Risiko- und Schutzfaktoren werden Kinder und Jugendliche sowie deren Eltern mittels Fragebögen befragt. Im weiteren Verlauf werden die anonymisierten genetischen Daten mit den Antworten der Fragebögen in Beziehung gesetzt und statistisch ausgewertet.



Die Durchführung untergliedert sich in drei Teile:
Anmeldung
und
Terminvereinbarung
1. klinisches Interview
überprüfung,
ob depressive
Störung vorliegt
2. Fragebögen
Erfassung von
Risiko- &
Schutzfaktoren
3. Blutproben
Erfassung
genetischer
Faktoren
Der Zeitaufwand beträgt etwa 2 Stunden, als Dankeschön erhalten die TeilnehmerInnen 20 Euro.

Bei Interesse an eine Studienteilnahme, freuen wir uns über eine kurze E-Mail oder einen Anruf:

Frau Wagenbüchler
Petra.Wagenbuechler@med.uni-muenchen.de
089 4400 55918
(Auf Nachrichten auf dem Anrufbeantworter reagieren wir schnellstmöglich.)

Ethik und Datenschutz
Diese Studie wurde der Ethikkommission der Medizinischen Fakultät der LMU vorgelegt und von dieser positiv bewertet. Alle erhobenen Daten unterliegen dem Bayerischen Datenschutzgesetz.

Kontakt
Herr Prof. Dr. Gerd Schulte-Körne
Gerd.Schulte-Koerne@med.uni-muenchen.de

Tel 089 4400 55901

Kooperationspartner
Prof. Dr. Dr. med. univ. Elisabeth Binder (Max-Planck-Institut für Psychiatrie, Translationale Forschung in der Psychiatrie)
Dr. Marcus Ising (Max-Planck-Institut für Psychiatrie)

MitarbeiterInnen
Prof. Dr. Gerd Schulte-Körne, Studienleiter
PD Dr. Ellen Greimel, Arbeitsgruppenleiterin
Dr. Charlotte Piechaczek, wissenschaftliche Mitarbeiterin
Dr. Lisa Feldmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin
Petra Wagenbüchler, Studienassistentin

Ehemalige MitarbeiterInnen
Verena Pehl
Prof. Dr. Antje-Kathrin Allgaier
Peggy Quickenstedt-Reinhardt
Sarah Kunze


Veröffentlichungen
Halldorsdottir T, Piechaczek C, de Matos APS, Czamara D, Pehl V, Wagenbüchler P, Feldmann L, Quickenstedt-Reinhardt P, Allgaier A-K, Freisleder FJ, Greimel E, Kvist T, Lahti J, Räikkönen K, Rex-Haffner M, Arnarson EÖ, Craighead WE, Schulte-Körne G, Binder EB.
Polygenic risk: predicting depression outcomes in clinical and epidemiological cohorts of youths. Am J Psychiatry. 2019; 176:615-625. doi: 10.1176/appi.ajp.2019.18091014.

Link zum Artikel: https://ajp.psychiatryonline.org/doi/full/10.1176/appi.ajp.2019.18091014

Weitere Informationen zum Artikel:
https://www.psych.mpg.de/2470840/news_publication_13295888?c=25056
https://www.uni-muenchen.de/forschung/news/2019/schulte_koerne_score_interview.html

Kurzzusammenfassung:
Genomweite Assoziationsstudien (GWAS) bei Erwachsenen konnten bereits nachweisen, dass viele tausende Genvarianten zum genetischen Risiko für eine Depression beitragen. Auf Basis der Ergebnisse dieser Studien kann ein genetischer Score (polygenic risk score/PRS) berechnet werden. Je höher dieser genetische Score ist, desto höher ist die genetische Veranlagung für eine Depression.

In unserer Studie konnte erstmals gezeigt werden, dass Kinder und Jugendliche mit einem erhöhten PRS, also einer erhöhten genetischen Veranlagung für eine Depression, eine höhere Wahrscheinlichkeit für die Diagnose einer Depression hatten. Wir fanden außerdem, dass ein höherer PRS mit schwereren Depressionssymptomen einhergeht. Ein höherer PRS stand zudem im Zusammenhang mit einem früheren Ersterkrankungsalter.
Bei Jugendlichen, die zunächst keine erhöhten Depressionssymptome aufwiesen, konnte ein erhöhter PRS schwerere Depressionssymptome im Verlauf vorhersagen.
Wir konnten zudem zeigen, dass neben einer genetischen Veranlagung auch Gewalterfahrungen einen großen Einfluss auf die Ausprägung der Depression haben.

Piechaczek CE, Greimel E, Feldmann L, Pehl V, Allgaier A-K, Frey M, Freisleder FJ, Halldors-dottir T, Binder EB, Ising M, Schulte-Körne G.
Interactions between FKBP5 variation and en-vironmental stressors in adolescent Major Depression.
Psychoneuroendocrinology. 2019; 106:28-37. doi: 10.1016/j.psyneuen.2019.03.025.

Link zum Artikel: https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0306453018310163

Der Schwerpunkt dieser Untersuchung lag auf dem FKBP5-Gen, das eine wichtige Rolle bei der körperlichen Antwort auf Stress spielt. Es gibt zwei Ausprägungen dieses Gens: Die "Risikoausprägung" kommt in der Bevölkerung seltener vor und kann mit einem erhöhten Risiko für die Depression einhergehen. Die häufiger vorkommende Ausprägung dieses Gens steht dahingegen nicht in Zusammenhang mit einem erhöhten Risiko für eine Depression. Aus früheren Studien ist bekannt, dass Personen, die mindestens eine "Risikoausprägung" dieses Gens besitzen, ein leicht erhöhtes Risiko für eine Depression haben. Dieses Risiko ist zudem erhöht, wenn diese Personen außerdem viele belastende Lebensereignisse erfahren haben.

In dieser Studie haben wir Belastungsfaktoren unterschiedlicher Art und Schweregrads untersucht. Wir konnten zeigen, dass Jugendliche, die eine erhöhte Gesamtanzahl unterschiedlicher Belastungsfaktoren erlebt haben, eine größere Wahrscheinlichkeit aufwiesen, eine Depression zu haben. Wenn zusätzlich noch mindestens eine "Risikoausprägung" des FKBP5-Gens vorlag, war diese Wahrscheinlichkeit zusätzlich erhöht. Das gleiche Ergebnismuster konnten wir finden, wenn Jugendliche eine erhöhte Anzahl mittlerer und soziodemografischer Belastungsfaktoren aufwiesen.

Piechaczek CE, Pehl V, Feldmann L, Haberstroh S, Allgaier AK, Freisleder FJ, Schulte-Körne G, Greimel E.
Psychosocial stressors and protective factors for major depression in youth: evidence from a case-control study.
Child Adolesc Psychiatry Ment Health. 2020; 14.

Link zum Artikel: https://link.springer.com/article/10.1186/s13034-020-0312-1

Kinder und Jugendliche mit einer Depression erfahren häufiger belastende Lebensereignisse, wie Gewalterfahrungen oder der Verlust eines Elternteils, als nicht-erkrankte Kinder und Jugendliche. In dieser Studie haben wir eine Reihe unterschiedlicher Belastungsfaktoren in verschiedenen Le-bensbereichen von Kindern und Jugendlichen untersucht.

Wir konnten zeigen, dass Kinder und Jugendliche mit einer Depression in verschiedenen Lebensbereichen im Mittel mehr Belastung erfahren als Kinder und Jugendliche ohne eine Depression. Zu diesen Belastungsfaktoren zählen beispielsweise häusliche oder schulische Umbrüche (z.B. Trennung der Eltern, Wiederholung eines Schuljahrs), Gewalterfahrungen und delinquentes Verhalten sowie Belastungsfaktoren im Zusamenhang mit soziodemografischen Faktoren. Verglichen mit nicht-erkrankten Kindern und Jugendlichen hatten mehr Kinder und Jugendliche mit einer Depression ein Familienmitglied mit einer affektiven Erkrankung (z.B. eine Depression). Zudem berichteten mehr Mütter von betroffenen Kindern und Jugendlichen von psychosozialer Belastung während und nach der Schwangerschaft (z.B. emotionale Belastung während der Schwangerschaft). Kinder und Jugendliche mit einer Depression erfuhren im Mittel weniger soziale Un-terstützung sowie ein weniger positives Familienklima als nicht-erkrankte Kinder und Jugendliche.


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